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ANU Bundestagung - Kunst bewegt Umweltbildung

Ästhetik, Kunst und Kultur in der Bildung
für eine nachhaltige Entwicklung

   

Vortrag 2: Zur Ästhetik der Nachhaltigkeit

Dr. Hildegard Kurt, Kulturwissenschaftlerin, Berlin

Theorie und Praxis der Ästhetik Nachhaltigkeit, Beiträge der Kunst

Dr. Kurt

I.
Heute, mehr als eine Dekade nach dem legendären "Erdgipfel" 1992 in Rio de Janeiro, stellt "Nachhaltigkeit", wo nicht als Allerweltsfloskel verwendet, für die breitere Öffentlichkeit vielfach noch immer ein bloßes Umweltprogramm dar. Dabei liegt die Innovationskraft des von mehr als 170 Staaten anerkannten Leitbildes darin, eben das nicht zu sein. "Sustainability" beinhaltet vielmehr eine integrative Modernisierung, insofern als sie sozial- und zugleich naturverträgliche Entwicklungsformen anstrebt. Glo-bale Gerechtigkeit für alle heute Lebenden und für die nachfolgenden Generationen wird auf der Grundlage ökologischer Verantwortung neu durchdekliniert. Damit entwarf die Weltgemeinschaft die Konturen einer post-konsumistischen Zivilisation und einer postideologischen Gesellschaftsutopie. In der Tat zielt Nachhaltigkeit oder, synonym, Zukunftsfähigkeit, auf nichts Geringeres als auf die Humani-sierung der Industriemoderne, was zugleich deren Ökologisierung bedeuten würde. Wahrlich eine Jahrhundertaufgabe.
Kennzeichnend für den Nachhaltigkeitsdiskurs war seit je der frappierende Widerspruch zwi-schen seiner menschheitsgeschichtlich epochalen Programmatik einerseits und der fehlenden Vermittelbarkeit andererseits. Zwar hatte Anfang der 90er nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation tatsächlich so etwas wie ein Menschheitsaufbruch in der Luft gelegen. Doch drohte der "Geist von Rio" allzu bald schon zu ersticken _ und zwar nicht allein unter dem wachsen-den globalen Wettbewerbsdruck und den damit verbundenen sozialen Verwerfungen oder später dem internationalen Terror, sondern überdies unter der Nachhaltigkeitspolitik selbst, die allenthalben geprägt ist von Technokratie und einem den Lebenswelten enthobenen Expertentum.
Wer nach den Gründen für die fehlende Attraktivität der Jahrhundertaufgabe Nachhaltigkeit sucht, wird auf das "kulturelle Defizit" bei der Konzeption des Leitbildes stoßen. (1) Tatsäch-lich sucht man in der Rio-Deklaration und der Agenda 21 die Künstler als Akteure einer zu-kunftsfähigen Entwicklung weitgehend vergebens. Auch Kultur als gesellschaftlicher Teilbe-reich, der über die schö-nen Künste und die humanistische Bildung hinaus die symbolische und ästhetisch kreative Praxis von Individuen und Gesellschaften umfasst, findet dort kaum je auch nur Erwähnung.
Während also die Debatte um eine zukunftsfähige Entwicklung in den Wirtschafts-, Natur- und Sozialwissenschaften bereits Mitte der achtziger Jahre einsetzte, wird die Frage nach der kulturellen und der ästhetischen Dimension von Nachhaltigkeit erst seit relativ kurzer Zeit intensiviert.

OH FolieII.
Was aber ist unter der Ästhetik der Nachhaltigkeit zu verstehen, und wie sollte, wie könnte eine solche in Theorie und Praxis ausgerichtet sein? Mit Sicherheit wäre es verfehlt, in der Ästhetik der Nachhaltigkeit eine ganz und gar neue Ästhetik, gar im Sinne einer neuen Stilistik zu sehen. Zugespitzt formuliert: Entweder hat es eine Ästhetik der Nachhaltigkeit immer schon gegeben, oder es gibt sie nie. Völlig neue (Ausdrucks-) Formen einer nie dagewesenen Lebenskultur entwickeln und gesellschaftsprägend umsetzen zu wollen, wäre angesichts der Individualität und Pluralität gegenwärtiger Lebensstile nicht nur illusorisch, sondern überdies eine Neuauflage jenes zum Totalitären neigenden Konstruktivismus des 20. Jahrhunderts, die niemand ernsthaft befürworten kann.
Der Diskurs über die Ästhetik der Nachhaltigkeit ist in erster Linie als eine neue Sensibilität für Fragen der Ästhetik aufseiten der Nachhaltigkeitsakteure zu verstehen. Wo man dies als ein zu entwickelndes theoretisches und praktisches Aufgabenfeld diskutiert, zeichnen sich derzeit die folgenden Konturen ab: In ihrer wissenschaftlichen Ausprägung wäre die Ästhetik der Nachhaltigkeit als eine neu akzentuierte allgemeine Wahrnehmungstheorie zu positionieren, deren Forschungsbereich sich erstreckt zwischen Fragen wie: Gibt es eine der Nachhaltigkeit eigene Ästhetik? Wie ist diese beschaffen? Welche politisch-prak-tischen Konsequenzen erwachsen aus ihr? Oder auch: Wie lässt sich kreatives, auf Inspiration und Emotionalität, auf sinnlicher Wahrnehmung und Offenheit beruhendes Verhalten vermitteln und fördern? Eine Ästhetik der Nachhaltigkeit hat nach Formen des Weniger zu forschen, doch ebenso nach Formen einer naturverträglichen Opulenz. Sie hat kulturelle Vielfalt zu gestalten, welche neue Fülle und nachhaltigen Genuss ermöglicht. Sie hat für eine andere Zeitkultur und eine von Achtsamkeit gelenkte Raumplanung zu sensibilisieren. Weder ästhetische Konzepte früherer Gesellschaftsepochen restaurierend, noch sich auf bloße Gefühlsqualitäten zurückziehend, hat sie dem "Sinnenbewusstsein" (Rudolf zur Lippe) und der aisthetischen Kompetenz eine konstruktive Produktivkraft für die Gestaltung lebenserhaltender Zukünfte zuzuerkennen. Die Kategorie Schönheit könnte dabei insofern auf eine ganz neue, nämlich emanzipatorische Weise zentral werden, als sie im Sinne Hans Glaubers den orientierungsgebenden Vorschein des "solaren Zeitalters" in sich birgt, d.h. einer neuen Zivilisation auf der Grundlage von De-zentralisierung und Demokratie und einer umfassenden Kultur des Zugangs. (2)
Mithin stellen sich der Ästhetik der Nachhaltigkeit zwei übergeordnete Aufgaben: Zum einen hat sie die "Naturvergessenheit" (Günter Altner) in unserer Kultur sowie die Bedingungen eines neuen gesellschaftlichen Naturverständnisses jenseits der Entsinnlichung zu erhellen. Und darüber hinaus muss sie auf dieser Grundlage auch die Dimension des Sozialen, insbe-sondere in den Aspekten Gerechtigkeit, Partizipation und Gemeinschaft, mit erfassen. Denn eine Ästhetik der Nachhaltigkeit wird immer auch eine Ästhetik der Teilhabe sein - oder es wer-den müssen.

III.
Wo sich im Diskurs über die Ästhetik der Nachhaltigkeit eine neue Sensibilität dafür artiku-liert, dass es ein wirksames, ernst zu nehmendes Gestaltungswissen gibt, welches über die technisch-instru-men-telle Vernunft hinausgeht, stellt sich unweigerlich die Frage nach dem Verhältnis von Nachhaltigkeit und Kunst. Gerade an diesem Punkt jedoch häufen sich gegen-wärtig die Verständigungsschwierigkeiten.
So etwa erwarten nicht wenige Nachhaltigkeitsakteure von der Kunst schlicht, sie solle öko-logische Missstände visualisieren und moralische Appelle illustrieren. Oder sie soll zu anson-sten abgeschlossenen Gestaltungsmaßnahmen die Dekoration, das "Sahnehäubchen" liefern. Auch wird nach wie vor Ästhetik sehr häufig mit dem Schönen oder mit Verschönern gleich-gesetzt, was ebenfalls die Dinge nicht erleichtert. Und wo man im Kontext Nachhaltigkeit fordert, die Kunst solle endlich wieder gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, ist damit immer wieder gemeint, die Künstler sollen die von den Fachexperten hervorgebrachten Inhalte einfach nur vermitteln, sie besser "verkaufen". Oder es herrscht noch ungebrochen der Mythos von der verabsolutierten Autonomie der Kunst: Unter den Nachhaltigkeitsakteuren - wie generell in der außerkünstlerischen Öffentlichkeit - ist einfach nicht hinreichend bekannt, dass die Kunst in ihrer vehement unternommenen "Anstrengung zur Mündigkeit" (Theodor W. Adorno) im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Experimenten unternommen, Erfahrungen gesammelt und auch Irrtümer begangen hat, die heute für die Suche nach zukunftsfähigen Lebens- und Wirtschaftsformen überaus konstruktiv sein können.
In der Kunstwelt wird ein lebendiger Dialog oftmals durch den Irrtum behindert, in Nachhal-tigkeit nur ein "Umweltthema" zu sehen und nicht eine genuin kulturelle Herausforderung. Und natürlich werden Künstler zu Recht in Abwehr gehen, wo sie argwöhnen müssen, bei Kooperationsangeboten aus dem Kontext Nachhaltigkeit handele es sich letztendlich doch nur um den Versuch, Kunst, wie oben angedeutet, als bloße Kommunikationsstrategie für außer-künstlerische Zwecke zu instrumentalisieren. Hinzu kommt schließlich: Für Künstler, die teilweise über Jahrzehnte hinweg eine Kunst mit hoher Relevanz für zukunftsfähige Gesell-schaftsentwicklungen praktizieren, ist es schlechterdings nicht hinnehmbar, wenn man im Zuge eines - ignorant geführten - Diskurses über die Ästhetik der Nachhaltigkeit nun an die Kunst appelliert, sich endlich mit diesen Themen zu befassen - als täten sie das nicht seit je.
Zu jenen Künstlern, deren Praxis und daraus abgeleitete Werkphilosophie sie als eine Avant-garde der Nachhaltigkeit "avant la lettre" ausweisen, zählt Herman Prigann. Seine Happenings und Social Art Works haben bereits ab den sechziger Jahren, basierend auf Prozessbe-wusstsein, auf Kommunikation und Partizipation eine Ästhetik der Teilhabe exploriert. Die ökologischen Gesamtkunstwerke der Terra Nova-Projekte manifestieren ein neuartiges Ver-ständnis von Natur und von Kultur, worin die jeweiligen sozialen und ökonomischen Kontexte vor Ort integriert sind _ was modellhaft jenes "Magische Dreieck" aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem ausgestaltet, das als richtungsweisende Denkfigur im Zentrum des Leitbildes Nachhaltigkeit steht. Nicht im Sinn einer angewandten, sondern mit einer nach wie vor eigenständigen Kunst suchen Künstler wie Herman Prigann ihr ästhetisches Gestaltungswissen in gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse einzubringen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Kohärenz des sich entfaltenden Diskurses über eine Ästhetik der Nachhaltigkeit wird wesentlich davon abhängen, inwieweit dieser Diskurs das wahrnimmt und anerkennt, was in der Kunst unter Bezeichnungen wie aktivistische oder interventionistische Kunst, Neue Kunst im öffentlichen Raum, Public Art oder auch ökologi-sche Ästhetik seit Jahrzehnten bereits praktiziert wird. Zu ihrer eigentlichen Berechtigung wird die Debatte um eine Ästhetik der Nachhaltigkeit dann finden, wenn sie zu neuen Strate-gien und Strukturen, mithin zu verbesserten Rahmenbedingungen für transdisziplinäre Ge-staltungen unter gleichberechtigter Einbeziehung von Künstlern führt.

IV.
Alles in allem wird ein konstruktiver, für die Belange der Kunst wie die der Nachhaltigkeit ge-winnbringender Dialog nur dort stattfinden können, wo man erkennt, dass die Kunst seit Beginn der Moderne immer mehr zu einer Wissensform wird. Weit davon entfernt, sich auf das Gestalten von Oberflächen beschränken zu lassen, wirkt die Kunst mit am Gestalten von Werten, wird sie immer mehr zu einem Medium des Erkundens, des Erkennens und des Veränderns von Welt. Charakteristisch für die Wissensform Kunst ist, dass sie zusätzlich zur Ratio auch aisthetische Kompetenz in die Erkenntnisfindung einbezieht - was sie von der Wissenschaft unterscheidet und ihr zugleich ebenbürtig macht.
Wo man Kunst als Erkenntnismedium versteht, wird die Integration ästhetischen Gestal-tungswissens in den Nachhaltigkeitsdiskurs auf diesen rückwirken, ihn verändern. Im Modus der Kunst wird man Nachhaltigkeit anders sehen, empfinden, denken und konzipieren - und anders kommunizieren. Nach außen dürfte diese Diskursinnovation zu einer verbesserten Vermittelbarkeit führen.
Intern, im transdisziplinären Dialog mit den Wissenschaften, der Wirtschaft und der Politik verlangt die Einbeziehung der Wissensform Kunst eine Bereitschaft zu ressortübergreifender Offenheit und zu einer Transdisziplinarität weit über die bislang üblichen Absichtsbekundungen hinaus. Sie erfordert, dass alle Beteiligten sich auf Prozesse einlassen, die ergebnisorientiert sind und zugleich ergebnis-offen; die möglicherweise quer zu institutionellen Hierarchien verlaufen oder auch Inhalte quer zu bestehenden Ordnungssystemen erzeugen.
Worauf es ankommt, ist, Künstler von Anfang an in die Konzipierung gestalterischer Maß-nahmen und Strategien einbeziehen. Es müssen Strukturen geschaffen werden, die einen nicht mehr nur punktuellen, sondern einen kontinuierlichen Dialog zwischen künstlerischen Ge-staltungsmodi einerseits und der Nachhaltigkeitstheorie und -praxis andererseits fördern. An Schnittstellen zwischen dem Kunstfeld und den verschiedenen Lebenswelten sollten - weit mehr als bisher - Rahmen entstehen, innerhalb derer über längere Zeiträume hinweg in künstlerischen und zugleich wissenschaftlichen und zugleich sozialen Versuchsanordnungen an Gestaltungen für eine zukunftsfähige Moderne gearbeitet wird.
Derlei "Versuchsanordnungen für Zukunft" (Dorothea Kolland) brauchen keineswegs neu erfunden zu werden. Hier und da, etwa in den Terra-Nova-Projekten, gibt es sie bereits. Damit jedoch Ansätze dieser Art, die derzeit größtenteils der Initiative einzelner Künstler oder "ästhetischer Arbeiter" (Gernot Böhme) entspringen, ihr Potenzial wirklich entfalten können, bedarf es verbesserter Rahmenbedingungen.
Die erste Voraussetzung hierfür wäre, derlei innovative Praktiken im Kontext Nachhaltigkeit überhaupt erst einmal voll zur Kenntnis zu nehmen. Sodann wäre systematisch zu untersu-chen, auf welche Weisen sich die Wissensform Kunst auf allen Ebenen - der internationalen, der nationalen und der kommunalen - wie auch in allen inhaltlichen Bereichen in die Nachhaltigkeitsstrategien integrieren ließe. Dazu bedarf es nicht zuletzt neuartiger Förderstrukturen, weg von der herkömmlichen Beschränkung auf Werk-förderung, hin zu einer verstärkten Prozessförderung. Und es versteht sich im Grunde von selbst, dass solche neuen Formen transdisziplinärer Gestaltungen nicht allein aus den Kulturetats, sondern auch und insbesonde-re durch die Struktur- und Entwicklungsfonds des Staates, von Staatengemeinschaften und der Wirtschaft unterstützt werden müssen.
Wo es gelingt, der Versuchung kurzsichtiger Funktionalisierungen standzuhalten, kann bei künstlerisch mitgetragenen, transdisziplinären Forschungs-, Gestaltungs- und Kommunikati-onsprojekten - ob mit der Industrie, mit der Landwirtschaft, mit Schulen oder mit Handels-unternehmen - ein wechselseitiges Inspirieren stattfinden, das die Sinne und den Sinn für die Ästhetik der Nachhaltigkeit öffnet. Wo Akteure aus den Kontexten Kunst und Nachhaltigkeit auf der Grundlage gemeinsamer Fragestellungen gemeinsam experimentieren, wachsen die Chancen dafür, dass man sich in kritisch-koope-ra-ti-ver Reibung aneinander aus den jeweils eigenen Verengungen löst. Sodass schließlich beide Sei-ten daraus Entwicklungsimpulse empfangen.

(1) Vgl. Bettina Laville und Jacques Leenhardt, Villette-Amazone. Manifeste pour l´environnement au XXIe siècle, Arles: Actes Sud, 1996 sowie Hildegard Kurt und Michael Wehrspaun, "Kultur: Der verdrängte Schwerpunkt des Nachhaltigkeits-Leitbildes" in: GAIA 1/2001, S. 16-25.
(2) Vgl. Vgl. Hans Glauber, "Lebens-Mittel Schönheit", in: Hildegard Kurt und Bernd Wagner, Kultur-Kunst-Nachhaltigkeit. Die Bedeutung von Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung, Kulturpolitische Gesellschaft e.V., Reihe Dokumentation Bd. 57, Essen: Klartext, 2002, S. 221-230.

Hildegard Kurt, Berlin, September 2003

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