1. Einführung mit Bezug auf den Titel
Die Überschrift der heutigen Tagung "Kunst bewegt Umweltbildung" verheißt sehr viel und ist nach meinen Erfahrungen etwas kühn. Die Aussage: Kunst bewegt Umweltbildung" klingt ein wenig nach Patentrezept zur Problemlösung oder nach Therapie für einen Patienten, der sich von selbst nicht mehr so recht bewegen mag. Ich möchte nicht demotivieren, aber vor dem leichtfertigen Gedanken warnen, dass dies alles ganz einfach ist.
Ich selbst bin ausgebildeter Pädagoge und war schon Ende der 80er beim Wissenschaftsladen Bonn mit dem Thema Umweltkommunikation beschäftigt. Das war noch die Zeit der Umweltberater, der Broschüren und Infotafeln und der Annahme, dass jeder halbwegs vernünftig denkende Mensch etwas für die Umwelt, Mitwelt und für zukünftige Generationen tun würde, wenn er nur genügend Bescheid wüsste.
Inzwischen wissen wir um die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln und bemühen uns das Kommunikationsproblem, das wir mit dem Thema "Ökologie und Umwelt" haben, durch neue Begriffe (Stichwort Nachhaöltigkeit), durch umfassendere Ansätze (Stichwort Kultur) und neue Medien zu vermitteln.
2. Vorstellung Wissenschaftsladen
- Pilotprojekt
- Umwelttheater 1 bis 4 und Wettbewerb Expo 2000
- Projekt Kunst als Medium der Umweltbildung
3. Möglichkeiten und Chancen anhand von Beispielen
Bevor die Fallstricke erläutert werden will ich mich den Möglichkeiten widmen
und eine Auswahl bieten als Überblick über das Spektrum, das sich zum Thema Kunst und Umwelt typischerweise bietet.
Bildende Kunst
1. Die Urgesteine
- Löbach, Weddel
- Steack, Heidelberg
- Dressler, Moosach
- HSchult, Essen
- Josef Beuys, Düsseldorf
- Hermann Prigann, Malloca
- Freimut Wössner, Berlin
2. Die neueren (als Stellvertreter für viele engagierte Künstler)
- Werner Henkel, Bremen
- Hans Jochen Freymuth, Minden
- Juliane Stiegele, Augsburg
- Conny Rump, Bremen
- Georg Wittwer, Bonn
- Irmgard Steinke, Mainz
Kunst kann:
Kunst ohne Absicht aber mit Wirkung
Kunst kann - sofern sie nicht der bloßen Illustration dient - wunderbar absichtslos und unabhängig von formulierbaren Zielen sein, auch wenn es zu der unvermeidlichen Frage kommt: "Was will uns der Künstler damit sagen?" Die Frage ist wichtig, aber sie wird nicht beantwortet. Eine Antwort entsteht - wenn überhaupt - im Kopf des Betrachters.
Absichtslos heißt dabei natürlich nicht wahllos und unbedacht: ganz im Gegenteil, sie ist das Objekt sehr intensiver, sehr individueller und mitunter auch kompromissloser Auseinandersetzung mit einem Thema. Sie kann plakativ sein und vordergründig aufrütteln, aber sie kann viel mehr, wenn sie - so wie Werner Henkel es formuliert hat - einen Blick auf die Rückseite der Realität wagt. Ein Kunstwerk stellt sich zur Verfügung als Anstoss, als Provokation, als Ironie, als Karikatur, als ästhetisches Werk, dass etwas auslösen will. Aber es sagt nicht was.
Und darin liegt die Chance für Kunst als Medium der Umweltbildung.
Sie kann die Schönheit oder die Zerbrechlichkeit von Natur zeigen, ohne kitschig zu wirken, sie kann durch ungewohnte Perspektiven aufmerksam machen, sie kann die Sinne schärfen für den Wert von Natur an sich. Sie kann die mit Zweifeln behaftete Situation des Menschen in seiner Mitwelt beleuchten, ohne gleichzeitig Hoffnungslosigkeit auszulösen. Sie kann Botschaften vermitteln, dass es sich lohnt, für etwas zu kämpfen, Werteverschiebungen bis hinzu den viel beschworenen Paradigmenwechseln andeuten. Nicht zuletzt werden Künstler auch als die Seismographen der gesellschaftlichen Entwicklung bezeichnet, die in ihren Werken der realen Entwicklung oft um Jahrzehnte voraus sind.
Mahnungen und Warnungen (Fallstricke einer neuen Partnerschaft)
1. Weg von der Katastrophenkunst
In den achziger Jahren gab es an Schulen eine Form von Katastrophenpädagogik, die z.B. die Mahnungen des Club of Rome und die des begrenzten Wachstums oder die aufschreckenden Waldschadensberichte mit mahnendem Zeigefinger in die Schulklassen transportierte. Analog dazu gab es apokalyptische und per Holzhammermethode arbeitende Richtungen in der Kunst und der Theaterarbeit. So mahnten manche Künstler mit ihren schwarz malenden Aktionen vor der Betonierung der Landschaft, andere mit Motiven wie den Öl triefenden Kormoranen an der Atlantikküste vor der Verseuchung der Strände durch Tanker und Ölkonsum. Sie öffneten damit die Augen, aber sie lähmten das Gemüt. Katastrophenmeldungen ziehen herunter, sie machen fertig und bewirken in erster Linie schlechtes Gewissen, Verdrängung und Frust wie bei den täglichen Horrormeldungen in den Nachrichten. Dabei sind die Meldungen über zunehmende Umweltzerstörung oder klimatische Veränderungen immer noch sehr wage und weniger eindeutig als die von Terror, Krieg und Kriminalität. Sie haben somit etwas zweitrangiges, was sich relativ leicht verdrängen läßt. Kein Wunder, dass angesichts weitaus drängenderer aktueller Probleme wie Krieg, Armut und Ausbeutung, Ökothemen weit zurückgedrängt wurden in der Skala der Wichtigkeit.
2. Vorsicht vor der Ökofalle
Deshalb dürfen bildende Kunst und Theater - sofern sie als Medium genutzt werden sollen - nicht in die selbe "Ökofalle" tappen wie die Nachhaltigkeitsdebatte selbst, wie dies der Politikwissenschaftler Karl-Werner Brand (Politische Ökologie 63/64) auf der Suche nach dem Resonanzproblem des Begriffes anführt. Es dürfen keine Ökoszenarien kunstvoll verabreicht werden, die dann ebenso wie bemühte Agit-Prop-Kunst zwar als gut gemeint, aber als spießig und ökolehrerhaft entlarvt wird.
Deshalb darf der Katastrophenpädagogik keine Katastrophenkunst folgen.
Wenn moralisierende schwarz-weiss-Malerei vermieden wird, so bleiben die Leute auch eher dran am Kunstwerk, beschäftigen sich länger damit oder lassen es einfach wirken. Gut so! Jeder Gedanke über den Inhalt, jedes Gefühl, das dabei ausgelöst wird und jedes unartikulierbare emotionale oder rationale Päckchen, das der Besucher einer Ausstellung mitnimmt, ist es wert, mit Kunst zu arbeiten. Eindeutige Kunst mit Botschaften wie : Du sollst nicht so viel Auto fahren, oder Cola-Dosen sind böse! sind Lustfeindlich, altbacken und absolut langweilig. Besonders jugendliche Kunstbetrachter wenden sich dann ab und fühlen sich wie auf den Leim gegangen.
3. Zeigefinger und Moral
Immer wieder wird engagierten Umweltkünstlern vorgeworfen, zu sehr die Moral zu strapazieren. Besonders bei Theaterleute ist es weit verbreitet, dass sie selbstverständlich ohne den erhobenen Zeigefinger daherkämen, besonders diejenigen, die ihn noch am meisten benutzen. Dabei kann es - wenn es um Verantwortung für die Zukunft geht - gar nicht genug Moral geben. Sie muss sich nur in den Köpfen der Zuschauer selbst entwickeln, und zwar höchst individuell, und darf nicht fertig gepredigt und plump - eben moralisierend - verabreicht werden. Das ist die Kunst und gerade die große Chance diese Mediums. Es kann Phänomene, Situationen, Herausforderungen beleuchten, ohne sie direkt zu bewerten, es kann sie wirken lassen und damit Identifikation ermöglichen. Es kann komplexe Gefühle wie den Zwiespalt im Umgang mit der Natur aufgreifen, ohne dies zu verurteilen, kann Faszination über Mitgeschöpfe ausdrücken, ohne kitschig zu wirken und es kann ökologische Oberflächlichkeiten persiflieren, ohne den Sinn nachhaltigen Handelns in Frage zu stellen.
Aber dazu muss Kunst gut sein.
Deshalb: Wer mit Kunst als Medium der Umweltbildung operieren möchte, braucht gute Beratung aus dem künstlerischen Bereich und weniger aus dem ökologischen, denn da sind die Promotoren meistens hinreichend fit. Regionale und lokale Künstler können großartiges leisten, dürfen aber bei Ausstellungen nicht dem Vorwurf der Ökokunst oder gar der Müslikunst Nahrung geben.
Abschließende und zusammenfassende Thesen
- Kunst muss professionell sein, gerade wenn sie sich mit dem Thema Ökologie beschäftigt. Bemühte Ökokunst ist das Gegenteil von Qualität und bietet den Nährboden für genüssliche Diskriminierung von Ökogegnern.
- Kunst zum Themenfeld Umwelt muss ein sehr weit gefasster Ökologiebegriff zugestanden werden, diesen selbst vermeiden, um nicht in die Ökofalle zu tappen. Dies führt zu einer schwierigen Gratwanderung zwischen Offenheit und Beliebigkeit.
- Die Kunst muss bei Ausstellungen im Vordergrund stehen, das Thema Ökologie kann und sollte sich dabei sekundär erschließen.
- Kunstausstellungen sind keine Informationsveranstaltungen
- Kunst sollte auch in der Umweltbildung in der Regel keine definierten kognitiven Lernziele verfolgen. Sie sollte frei von erkennbarer Absicht Anstöße bieten, die sich individuell zu Erkenntnissen, Einsichten und Botschaften zusammenfügen können.
- Um die Möglichkeiten von "Kunst" als Medium voll auszuschöpfen, sollte auf Agitations-und Propaganda-Kunst, wie sie in den 70er und 80er Jahren weit verbreitet war, verzichtet werden.
- Plumpe Ökobotschaften, Katastrophenkunst und schwarz-weiß-Malerei führt bei breiten Kreisen der Bevölkerung zur Abwendung vom Thema, zur Verdrängung, zu Trotz. Entsprechende Ausstellungen und Theaterstücke bleiben im ohnehin überzeugten "inner circle" und bewirken nichts.
- Psychische Befindlichkeiten (Trotz, Verdrängung, "das kleine Ökoschwein") im Umgang des Menschen mit der Umwelt können gerade von Kunst aufgegriffen und thematisiert werden. Hierdurch können Kommunikationsbarrieren überwunden werden.
- Kunst als Medium sollte nicht nur rezeptiv sondern auch aktiv bzw. aktivierend eingesetzt werden. Dadurch erschließen sich längst bekannte und abgedroschene Thematiken nicht nur kognitiv, sondern auch sinnlich-persönlich. Dies kann viel eher Verhaltensänderungen einleiten, als das bloße Wissen um z.B. das Waldsterben, Desertifikation, globale Auswirkungen lokalen Handelns.
- Gerade die fließenden Übergänge von bildender zu darstellender Kunst (Performance, Aktionen etc.) bieten ein hohes und attraktives Potential in der öffentlichen Wirkung auch bei Umweltbildungsveranstaltungen.
Wie weit Kunst nicht nur die Umweltbildung, sondern auch die Menschen, die wir erreichen wollen, bewegen wird, liegt in unserer Hand.
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